Zur BDP-Website Landesgruppe NRW
Zur Startseite
Aktuelles
Die Landesgruppe
Psychologie für alle
Beruf Psychologe
Service / Kontakt
Mitgliedschaft im BDP

Suche auf den Seiten des BDP
Zurück

    
    

Der demografische Wandel - Junge und Alte in unserer Gesellschaft

von Prof. Ursula Lehr


Der demografische Wandel – die Wurzel allen Übels?

Tatsache ist: die finanzielle Situation unserer Länder ist problematisch; wir haben Löcher in den Rentenkassen, den Krankenkassen und Pflegekassen. Reformen sind notwendig und wurden –mit Recht – sowohl von der RÜRUP- Kommission als auch von der HERZOG - Kommission gefordert. Das Netz der sozialen Sicherheit wird brüchig – daran besteht leider kein Zweifel. Wenn dafür allerdings allein und pauschal die "zunehmende Langlebigkeit", "die vielen Alten", verantwortlich gemacht werden, dann ist das eine sehr einseitige Sicht des demografischen Wandels.

Sparmaßnahmen, Eingriffe sind notwendig; doch hierbei scheinen – zumindest in Deutschland - die Älteren überproportional betroffen zu sein. Man spricht sogar davon, dass Senioren "die Melkkühe der Nation" seien. So sind es bei uns jetzt die Älteren, vertreten durch die BAGSO, die fordern, dass weitere zusätzliche Belastungen von allen Gruppen und Generationen solidarisch getragen werden müssen.

Zur Zeit jagen bei uns jeden Tag andere Gerüchte, Kürzungs- und Sparvorschläge durch die Medien und verunsichern damit die Bürger unseres Landes, ganz besonders die ältere Generation, die von den verschiedenen Sparvorschlägen mehrfach betroffen zu sein scheint: Rentenkürzungen bzw. "Nullrunden", die nicht einmal einen Inflationsausgleich ermöglichen, Zuzahlung bei Arztbesuchen und Medikamenten, Leistungskürzungen bei Zahnbehandlungen, Erhöhung der Beiträge in die Pflegekassen, ab 2005 Besteuerung der Renten, und dergleichen mehr. Dass diese Gerüchte nicht gerade die Konsumfreudigkeit unserer heute noch zum Teil recht wohlhabenden Rentnergeneration erhöhen, sondern zu verstärktem Sparen und "Zurücklegen für den Notfall" Anlass geben, ist verständlich.

Die meisten unserer Rentner und Pensionäre sind durchaus bereit, durch eigene Beiträge zur Lösung der misslichen finanziellen Lage beizutragen, doch sie wollen Planungssicherheit, sie wollen endlich wissen, womit sie in Zukunft rechnen müssen. Sie sind keineswegs so egoistisch, wie es vor allem von manchen Jüngeren behauptet wird. Sie haben – mehr als Generationen vor ihnen und nach ihnen - im Laufe ihrer Biografie gelernt, sich einzuschränken, zu rechnen, zu sparen, zu verzichten, sich mit Wenigem zufrieden zu geben. Manche der älteren Rentner kennen die Inflation der 20er Jahre, die Depression und den Bankenkrach der 30er, Arbeitslosigkeit, Krieg, Ausbombung, Flüchtlingselend, Hungerzeiten und extrem schlechte Wohnsituationen. Sie haben, wie unsere biografischen Studien zeigen, nur einen Hauptwunsch: dass es ihren Kindern besser geht. Alle Untersuchungen und Surveys zeigen, dass gerade der heutigen Rentnergeneration das Wohl ihrer Kinder und Kindeskinder am Herzen liegt, - für die sie im privaten Rahmen schon heute sehr viel tun, - sei es durch finanzielle Unterstützung, durch Sachleistungen, durch Betreuungsleistungen und oft auch noch durch Pflege ihrer eigenen alten Eltern.

Hinweise auf den demografischen Wandel, auf die "Überalterung" unseres Volkes, werden häufig als Ausrede für das Zusammenbrechen unserer sozialen Sicherungssysteme genannt. Das ist eine sehr einseitige Sicht. Dieser demografische Wandel findet statt in einer Zeit struktureller Veränderungen, in einer Zeit des wirtschaftlichen Wandels, des rapiden technischen und sozialen Wandels, und auch in einer Zeit des Wertewandels, der zum Teil für die niedrigeren Geburtenraten verantwortlich zu machen ist, die genau so wie die zunehmende Langlebigkeit zum demografischen Wandel beitragen, - was manche Vertreter der jüngeren Generation leider nicht hinreichend realisieren.

Wir alle werden älter – von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr. Dass wir älter werden, daran können wir nichts ändern – aber wie wir älter werden, das haben zum Teil wir selbst in der Hand. Und es kommt ja nicht nur darauf an, wie alt wir werden, sondern wie wir alt werden. Es gilt, nicht nur dem Leben Jahre zu geben, sondern den Jahren Leben zu geben! Das ist eine Herausforderung für jeden Einzelnen von uns- und für die Gesellschaft.

 

Ich möchte in einem ersten Abschnitt unter 6 Aspekten auf den demografischen Wandel eingehen und jeweils seine Konsequenzen aufzeigen; in einem 2. Abschnitt werde ich dann ergänzend die Herausforderungen für jeden Einzelnen von uns, aber auch für die Gesellschaft deutlich machen.

 

I: Der demografische Wandel

1. Die Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung

Vor 100 Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 45 Jahren, um 1950 bei 67 Jahren – und heute kann ein neugeborener Junge mit 75 Jahren, ein neugeborenes Mädchen mit fast 82 Jahren rechnen. Aber der heute bereits 60jährige (das Alter, in dem für die meisten der "Ruhestand" beginnt – das Rentenzugangsalter liegt bei 59!) hat im Durchschnitt noch weitere 25 Jahre vor sich, also mehr als ein Viertel seines Lebens! Sind wir darauf vorbereitet?

Doch, wir haben nicht nur eine Verlängerung der Lebenszeit im Alter, wir haben auch eine Verlängerung der Jugendzeit! Unsere Großväter und Großmütter sind viel früher ins Berufsleben eingetreten, haben viel früher eine Familie gegründet und "ihren Mann" bzw. "ihre Frau" gestanden, Verantwortung übernommen. Heute zählt die Jugendzeit bis 35 (so die Altersgrenze in allen Parteien, bei der Jungen Union, den jungen Liberalen und den Jungsozialisten), ab 45 aber zählt man schon zu den "älteren Arbeitnehmern", ab 50 ist man zu alt für jeden neuen Job und ab 55 bereits zu den Senioren; Seniorenwirtschaft, Seniorenmessen sprechen die 55+er an. 35 Jahre jung, 10-15 Jahre erwachsen und dann 35 Jahre alt? Vom Bafög in die Rente? Das kann doch nicht der Sinn des Lebens sein! Früherer Berufseintritt – späteres Berufende: darüber sollten wir einmal nachdenken!

 

2. Die graying world, die alternde Gesellschaft.

Vor 100 Jahren waren 5% der Bevölkerung 60 Jahre und älter. Heute sind es 25% - und nur 21% sind 20 Jahr und jünger. In etwa 30 Jahren werden 35-38% der Bevölkerung über 60 sein und nur 16-17% unter 20 Jahren.

Aber nicht nur die über 60jährigen nehmen zu, sondern auch die über 80, 90 und über 100jährigen! 1965 lebten in Deutschland 265 Hundertjährige, 1994 waren es 4602 (4004 Frauen, 598 Männer), heute sind es etwa 10.000 Menschen mit dreistelligem Geburtstag, 2025 rechnet man mit 44.000 und 2050 sogar mit 117.000 Menschen mit dreistelligem Geburtstag. Ein Drittel dieser Centenarians (in Japan sogar 44%, in Belgien 27%) können noch alleine den Alltag meistern; ein 2. Drittel ist hilfs- und pflegebedürftig, kann aber noch außer Haus gehen, und ein 3. Drittel ist schwer pflegebedürftig und wünscht den Tod herbei.

Je älter wir werden, um so weniger sagt die Anzahl der Jahre etwas über Fähigkeiten, Fertigkeiten, Verhaltens- und Erlebnisweisen. Gleichaltrige zeigen oft größere Unterschiede als Menschen, die 20,30 Jahre auseinander sind. Altern ist stets das Ergebnis eines lebenslangen Prozesses mit ureigensten Erfahrungen, mit ganz individuellen Formen der Auseinandersetzung mit Problem- und Belastungssituationen. Es kann ein Mensch nicht wie Goethe altern, der nicht wie Goethe gelebt hat!

Von den Amerikanern haben wir die Bezeichnung "the young old" und "the old old" übernommen und haben uns angewöhnt, einen Menschen bis 80, 85 zu den "jungen Alten" zu rechnen und ab 85 zu den "alten Alten". Das ist aber falsch! Manch einer ist schon mit 55/60 ein "alter Alter", andere sind noch mit 90 "junge Alte". Das "functional age" ist ausschlaggebend, die Funktionsfähigkeit verschiedener körperlicher und seelisch-geistiger Fähigkeiten (Bindegewebs-Alter, Herz-Kreislauf-Alter. Sensorisches Alter, motorisches Alter, Zahnalter, Intelligenzalter – können sehr unterschiedlich sein). Und diese Funktionsfähigkeiten sind keinesfalls an ein chronologisches Alter gebunden, sondern werden von biologischen und sozialen Faktoren, die während eines ganzen Lebens einwirken, mitbestimmt. Hier werden Schulbildung, berufliches Training, Lebensstil und Reaktionen auf Belastungen ausschlaggebend. Vor allem aber ein aktiver Lebensstil, der auf körperliches Training, auf vielseitige geistige Anregung achtet und das Zusammensein mit anderen Menschen schätzt. Weiterhin hat man ganz enge Zusammenhänge gefunden zwischen einer Lebensqualität im Alter und "dem Gefühl, gebraucht zu werden". Der Mensch braucht eine Aufgabe, die ihn zwar nicht überfordern sollte, aber auch nicht unterfordern sollte.

Ein generelles Defizit-Modell des Alterns ist in Frage zu stellen. Altern muss nicht Verlust von Fähigkeiten und Fertigkeiten im geistigen Bereich bedeuten. Wir dürfen dem älteren Menschen auch eine Lernfähigkeit nicht absprechen! Der ältere Mensch lernt anders, aber nicht unbedingt schlechter. Das Defizit-Modell des Alterns wurde durch viele Studien widerlegt (zusammenfassend bei LEHR 1972, 2000, LEHR & THOMAE, 2000; MAYER & BALTES 1996) Altern muss nicht Abbau und Verlust bedeuten, sondern kann in vielen Bereichen geradezu Gewinn sein, eine Zunahme von Kompetenzen und Potentialen, und damit eine Chance – für den Einzelnen und die Gesellschaft! Fest steht: Gleichaltrige zeigen oft größere Unterschiede in ihrer Leistungsfähigkeit als Menschen, deren Altersunterschied 20 Jahre und mehr beträgt..

Wir sollten wissen: Alterszustand und Alternsprozesse sind stets das Ergebnis eines lebenslangen Prozesses, des eigenen Lebenslaufes, ureigenster individueller Erlebnisse und Erfahrungen und der ganz persönlichen spezifischen Art der Auseinandersetzung mit diesen. –

Es gibt in der großen Gruppe der Senioren – ein Drittel unserer Bevölkerung – die "go go’s", die "slow go’s" und die "no go’s". Sorgen Sie dafür, dass Sie einmal sehr lange zu den go go’s gehören – das trägt zu Ihrer Lebensqualität bei, zu der Ihrer Angehörigen und schließlich zum Wohle der Gesellschaft. Der alte Bellheim hat’s gezeigt.

Wir leben in einer alternden Gesellschaft, Wir haben sowohl eine Verlängerung der Lebenserwartung als auch eine Verlängerung der Jugendzeit. Von Überalterung nur aufgrund der zunehmenden Langlebigkeit zu sprechen, wäre einseitig. Wir haben auch eine Unterjüngung, einen Rückgang der Geburtenzahlen.

Doch schließlich ist das Altern einer Gesellschaft neben der zunehmenden Langlebigkeit auch durch die abnehmenden Geburtenzahlen bedingt. Selbst so kinderfreundliche Länder wie Spanien und Italien mit durchschnittlich 1,22 bzw. 1,25 Kindern pro Frau konstatieren ein Sinken der Geburtenrate. Deutschland mit 1,34 Kindern hat nach Spanien, Italien und Griechenland (1,30) und Österreich (1.32) die fünft-niedrigste Geburtenrate von allen Ländern der EU (Durchschnitt: 1,53) und es ist nicht anzunehmen, dass es hier – trotz familienpolitischer Leistungen – zu Veränderungen kommen wird. Damit man mich nicht falsch versteht: familienpolitische Leistungen sind notwendig und könnten sogar noch verbessert werden – aber sie sind kein Instrument einer Bevölkerungspolitik. Ein JA zum Kind erreicht man bei der jungen Generation eher durch eine Gewährleistung der Kinderbetreuung, durch bessere Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, als durch 300 oder auch 600 €! – Aber wir sollten die Forderung nach Kindergärten nicht nur unter dem Aspekt der Entlastung der Mütter sehen, sondern: - wie ich es bereits 1989 gefordert hatte: Kinder brauchen Kinder! Bestimmte Verhaltensweisen lernt das zweijährige Kind nur von Kindern und nicht von noch so geschulten Eltern (Geben und Nehmen!). –

Die Gründe des Geburtenrückgangs sind vielseitig und liegen

- einmal in den seit den 60er Jahren gegebenen besseren Möglichkeiten der

Familienplanung ("Pille"),

- in dem Verlust des "instrumentellen" Faktors (Kind als Arbeitskraft, als per-

sönliche Alterssicherung, als "Stammhalter" bzw. Namensträger)

- in der einseitigen öffentlichen Diskussion "Kind als Kostenfaktor", bei der

verschwiegen wird, dass Kinder auch Freude machen und eine enorme

Bereicherung des Lebens sind; dass im Grunde genommen diejenigen

"arm" sind, die keine Kinder haben – auch wenn sie sich jetzt vielleicht

mehr leisten können;

- Einer der Gründe des Geburtenrückgangs liegt aber auch in der verlängerten

Jugendzeit, in der sich manchmal bis in das vierte Lebensjahrzehnt hinein

ziehenden Berufsausbildung; in der in ein immer höheres Lebensalter hinaus-

geschobenen Heirat (auch mitbedingt durch die gesellschaftliche Akzeptanz

enger partnerschaftlicher Beziehungen ohne Trauschein);

- Ein weiterer Punkt: Während in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts die

Frau solange im Elternhaus lebte, bis geheiratet wurde (und sie so zur Anpas-

sung an die Lebensgewohnheiten anderer gezwungen war), nach der Heirat

sehr schnell Kinder kamen, die wiederum eine Anpassung verlangten, geht sie

heute mit 18,20 Jahren aus dem Haus und lebt selbständig, allein. Ein solches

mehrjähriges Alleinwohnen führt zu einer verstärkten Ausbildung der

Individualität; es bilden sich Eigenheiten und Gewohnheiten, eine Zeit in der

oft ein ganz individueller eigener Lebensstil kreiert wird, der dann schon eine

Anpassung an einen Partner, erst recht aber an Kinder, sehr erschwert.

(Von hier aus gesehen ist auch kein Sinken der Scheidungsraten in Zukunft zu

erwarten – heute schon ist jede 2,4. nach 1975 geschlossene Ehe geschieden).

 

3. Das veränderte Verhältnis zwischen den Generationen

Zunächst einmal unter quantitativen Aspekten: Kamen vor 100 Jahren auf einen über 75jährigen noch 79 jüngere Personen, so sind es heute nur noch 12,4. Und man hat berechnet, dass im Jahre 2040 ein über-75jähriger nur noch 6,2 und im Jahre 2050 sogar nur noch 5,5 Personen gegenüberstehen wird, die jünger als 75 Jahre sind.

Wenn wir diese Entwicklung vor Augen haben, dann ist auch die Gesellschaft, die Kommune, - aber auch die Wirtschaft und Industrie gefordert. Dann haben wir einmal z.B. Konzepte der Stadtentwicklung zu überdenken - von der Verkehrsführung bis hin zu Sportstätten und Sportmöglichkeiten für Ältere; neben Kinderspielplätzen brauchen wir Sport- und Freizeitmöglichkeiten für Ältere; Warmbadetage in Schwimmbädern werden immer notwendiger. Wir müssen und Gedanken über die Erreichbarkeit von Schwimmbädern, Sportstätten, Arztpraxen und Einkaufsmöglichkeiten machen. Dabei gilt: manch ein Älterer ist durchaus noch fähig, sicher Auto zu fahren – auch wenn ihm das Zu- Fuß- Gehen größere Schwierigkeiten bereitet. Hier spielt sowohl der Öffentliche Nahverkehr als auch die Parkplatzfrage eine ganz große Rolle; Garagen ohne mühsames Treppensteigen sind sowohl für Ältere als auch für Kinderwägen notwendig! – Manch einer geht nicht in die Innenstädte einkaufen, weil dieses Problem nicht gelöst ist. Und wie viele Arztpraxen haben wir in Fußgängerzonen, ohne Parkraum? –

Wir haben aber auch über den entsprechenden Ausbau von Beschäftigungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten (und hier Ältere in die Programmgestaltung mit einzubeziehen) nachzudenken;- ein Umdenken im Freizeitbereich, aber auch im Gesundheitsbereich (Hausarztbesuche – auch von Zahnärzten) wird erforderlich; Wohnungsplanung (Wohnungsausstattung) und Wohnumfeld sollte auf die veränderte Bevölkerungsstruktur und deren Bedürfnisse Rücksicht nehmen. Warum können von vorne herein WCs nicht in Sitzhöhe sein, warum können nicht Badewannen von vorne herein einen Zusatzgriff haben? Und warum achtet man bei den Armaturen nur aufs Design und nicht auf leichtere Handhabung?

Weit mehr als bisher üblich haben sich Wirtschaft und Industrie auf das älterwerdende und strukturveränderte Land einzustellen (das reicht von der notwendigen größeren Auswahl von 1-Personen-Rationen im Supermarkt bis hin zu einem kreativen Ausbau von Dienstleistungsangeboten, zu denen dann auch die Bedienung an der Tankstelle oder ein verstärkter Hol- und Bring-Dienst gehört. Das schließt aber auch sonstige vielseitige Veränderungen mit ein, die man unter dem Begriff der "Ökogerontologie" und der "Gerontotechnik" zusammenfasst (einfacher bedienende Fahrkartenautomaten, Lichtschalter, Armaturen, Telefontasten, Schraubverschlüsse bei Putzmitteln und Medikamenten, einfacher zu bedienende Videogeräte usw.) – Und: was ließe sich an unseren Autos alles benutzerfreundlicher gestalten! – Geronto- Ökologie, - altersgerechte Umweltgestaltung, ist ein relativ junger Forschungszweig. Wer dabei nur an barrierefreie Behördeneingänge denkt, denkt viel zu kurz. - Schauen Sie sich zum Beispiel in Gemäldeausstellungen einmal die Informationen zu den einzelnen Bildern an: ¨Minitafeln", an die man ganz nahe herangehen muss, um etwas entziffern zu können. – Das gilt übrigens auch bei den Platzreservierungen in der Bundesbahn. Von kleiner, unleserlicher Beschriftung sind Senioren in erster Linie betroffen, wenngleich Sehbehinderungen ja bekanntlich auch bei Jüngeren vorkommen sollen.

Auch die pharmazeutische Industrie ist gefordert! Da gibt es Minipillen, die man noch halbieren oder gar vierteln muss! Da gibt es Flaschenverschlüsse (übrigens auch bei Putzmitteln), die man zusammendrücken und hochschrauben muss – sie sind nicht nur "kindersicher", sondern auch "altensicher"! Von den Beipackzetteln ganz zu schweigen: graues Papier, graue Minischrift, die sich kaum entziffern lässt und strotzend von Fremdworten, die man bei bestem Willen nicht verstehen kann. –

 

Das quantitative Verhältnis der Altersgruppen in unserem Land hat sich verändert, aber auch unter qualitativen Aspekten ist der demografische Wandel und das Verhältnis zwischen den Generationen zu diskutieren.

Hier sei zunächst der Rückgang der 3- und 2-Generationen-Haushalte und der Anstieg der Ein-Generationen bzw. Ein-Personen-Haushalte erwähnt. Nur 1,1% von allen rund 36 Millionen Haushalten in der Bundesrepublik sind 3-Generationen-Haushalte. Etwa 37% aller Haushalte in Deutschland sind heute 1-Personen-Haushalte (im Jahr 1900 waren es nicht einmal 7%!). Um 1900 waren 45 % aller Haushalte 5- und mehr -Personen- Haushalte; heute sind es noch 4,4%! – Diese zunehmende Singularisierung und Individualisierung sollte keineswegs mit Einsamkeit gleichgesetzt werden. Sie hat aber Konsequenzen sowohl in bezug auf die Kinderbetreuung als auch auf etwaige notwendig werdende Hilfs- und Pflegeleistungen im Alter.

Zum anderen aber haben wir gleichzeitig einen Trend zur 4 (bzw.5)-Generationen- Familie, die allerdings nicht im gleichen Haushalt leben. In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts kannte ein Kind bestenfalls 2 seiner Großeltern. Heute leben im allgemeinen noch alle 4 Großeltern, oft sogar noch 2 Urgroßeltern. – Rund 20% der über 60jährigen haben Urenkel; aber ebenso viele haben noch einen lebenden Elternteil. Die Großeltern- Generation sind die "sandwich-generation", die oft sowohl für Kinder- und Kindeskinder aufkommen als auch noch für die alten Eltern sorgen. Die viel gepriesene Familienpflege sieht heute oft so aus, dass die Großmutter die Urgroßmutter pflegt. –

Großeltern sind heutzutage weit öfter die "Gebenden" als die "Nehmenden".

Wir haben die "multilokale Mehrgenerationenfamilie", oder – nach BENGTSON: die "Bohnenstangenfamilie", in der Schwestern und Brüder, Cousins und Cousinen, Schwägerinnen und Schwäger fehlen. Andererseits braucht der Mensch aber Kontakt zu seiner Generation – den muss er sich heutzutage außerhalb der Familie suchen.

4. Vom 3-Generationen-Vertrag zum 5-Generationen-Vertrag:

Der 3-Generationen-Vertrag ist schon heute zu einem 4 – bzw. 5-Generationen-Vertrag geworden. Er wurde bekanntlich Ende des 19. Jahrhunderts ins Leben gerufen und besagt, dass diejenigen, die im Erwerbsleben stehen, durch ihre Steuern und Beiträge für jene aufzukommen haben, die noch nicht ins Erwerbsleben eingetreten sind und für jene, die bereits aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden sind.

Damals lag das durchschnittliche Eintrittsalter in das Berufsleben zwischen 15 und 16 Jahren : Berufsschule gab es (leider) noch nicht; eine weiterführende Bildung oder gar ein Studium konnten sich nur wenige leisten, - Frauen schon gar nicht. Das Schuleintrittsalter lag bei 5 Jahren und die Volksschulzeit betrug 8 Jahre. So hatte man mit 15 Jahren bereits (wenn auch wenig) verdient und seine Beiträge abgeführt, hatte von 15/16 Jahren an in die Rentenkassen einbezahlt. – Die Altersgrenze wurde unter Bismarck auf 70 Jahre festgelegt, - ein Alter, das damals die meisten Menschen gar nicht erreichten (die durchschnittliche Lebenserwartung betrug um die Jahrhundertwende bei uns ganze 45 Jahre!). Erst 1916 wurde die Altersgrenze reduziert, auf 65 Jahre festgelegt. Das heißt also, dass die 15-70jährigen für jene aufzukommen hatten, die noch nicht 15 waren und für die über 70jährigen – und das waren um 1900 2% der Gesamtbevölkerung. Dieser Generationenvertrag funktionierte lange Zeit. "Die Rente ist sicher" – das konnte man damals, auch noch in der Mitte des letzten Jahrhunderts (Adenauer), sagen.

Doch wie sieht es heute aus? Wir haben ein durchschnittliches Berufs-Eingangsalter – allerdings nach Abschluss der Berufsschule- bei 25 Jahren. Das durchschnittliche Alter beim 1. Universitätsabschluss liegt bei 28 Jahren.  Und das Berufende liegt in der Realität heute bei 58/59 Jahren, begünstigt durch Vorruhestand, Frühverrentung, Sozialpläne und Altersteilzeit. Tatsache ist, dass die Gruppe der im Erwerbsleben Stehenden – d.h. die 25-58/59 Jährigen – für die aufzukommen haben, die noch nicht im Berufsleben stehen (und das sind manchmal 2 Generationen, denn mancher 30jährige Student hat sein Kind im Kindergarten) und vor allem für die große Gruppe jener Menschen, die aus dem Berufsleben ausgeschieden sind. Und das sind nicht – wie vor 100 Jahren – 2% der Bevölkerung, sondern über 25%, ebenso 2 Generationen. Mutter und Tochter, Vater und Sohn im Rentenalter, das ist heute keine Seltenheit.

Dass dann die Generation der im Erwerbsleben Stehenden über zu hohe Abgaben stöhnt, ist verständlich. Die zunehmende Langlebigkeit muss berücksichtigt werden, der Einbau eines demografischen Faktors in die Rentenberechnung – bei grundsätzlich nettolohnbezogener Rente - tut not. Doch die Entwicklung vom 3- zum 5-Generationen-Vertrag ist nicht nur demografisch bedingt, sondern durch die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation mitbestimmt. Und vor allem: Auch hier fällt neben der zunehmenden Langlebigkeit auch die verlängerte Jugendzeit stark ins Gewicht.

Zunächst einmal ist hier zu bedenken, dass viele der heutigen Rentner – oft gegen ihren Wunsch - vorzeitig aus dem Berufsleben ausgestiegen sind, um den Jungen einen Arbeitsplatz zu sichern. Das ist auch gut so. Nur, dann dürfen diese Jungen nicht kommen, und den Rentnern diese "Rentenlast" und "Alterslast" vorwerfen und über erhöhte Einzahlungen in die Rentenkassen klagen.

Außerdem ist zu bedenken, dass viele der heutigen Rentner ein 45jähriges Berufsleben hinter sich haben – was die jungen Aufbegehrer nie erreichen werden. Viele der heutigen Rentner kannten noch die 60-Stunden-Woche, bestimmt aber die 48-und 45-Stunden-Woche. Der Samstag war für sie ein voller Arbeitstag und der Urlaub betrug 12 Tage im Jahr, Samstage mit eingerechnet.(ab 1957 dann 14 Tage im Jahr) Außerdem sollte man bedenken, dass die heutigen Rentner für ihre Berufsausbildung – und zwar auch für die Lehre – noch selbst zahlen mussten; an ein AZUBI -Gehalt oder BAFÖG war nicht zu denken. Vielfach mussten sie auch noch ganz für die Berufsausbildung ihrer Kinder zahlen. Sie haben mehr Kinder großgezogen als die heutige jüngere Generation - und das in Kriegs- und Nachkriegszeiten, in denen es weder Erziehungsgeld bzw. Kindergeld noch Erziehungsurlaub gab. – Weiterhin sollte wenigstens erwähnt werden, dass die Staatsausgaben im Bereich der Bildung, von denen ja hauptsächlich jüngere Generationen profitieren, enorm gestiegen sind. Das ist notwendig und unbedingt zu begrüßen, sollte aber bei einer Analyse der Chancen und Herausforderungen der Generationen nicht vergessen werden.

Die meisten der heute 60- 65 jährigen (und auch viele noch ältere) sind durchaus arbeitsfähig, viele auch arbeitswillig – aber sie werden frühzeitig aus dem Arbeitsleben verabschiedet. In der Gruppe der 55-64jährigen sind in Deutschland nur 43% der Männer und 15% der Frauen noch im Erwerbsleben; in der Schweiz hingegen 77% der Männer und 50% der Frauen, in Norwegen 72% der Männer und 59% der Frauen. Sicher sind unsere "älteren Arbeitnehmer" nicht unfähiger als die in anderen Ländern, aber dank gutgemeinter Schutz - Gesetze, die jedoch Bumerang-Charakter haben, kommen Ältere den Arbeitgeber, der sie dann nicht mehr kündigen kann, viel teurer. Also bemüht man sich, mittels Sozialplänen zuerst die "Älteren" sozialverträglich abzubauen, begründet das dann aber mit der angeblich nachlassenden Leistungsfähigkeit und der mangelnden Innovationsfähigkeit. Es gibt keine einzige Studie, welche eine nachlassende Innovationsfähigkeit mit zunehmendem Alter aufgezeigt hat. Im Gegenteil, es liegen viele Studien vor, welche die Kompetenzen gerade der Älteren herausstellen: Ältere haben häufig ein größeres berufliches Engagement als Jüngere, wissen über soziale Verknüpfungen besser Bescheid, haben einen größeren Überblick über die Gesamtsituation, sehen gleichzeitig Möglichkeiten und Grenzen und haben in bestimmten Bereichen "Expertenwissen" erworben, das man bei Jüngeren gar nicht erwarten kann. Freilich, wir brauchen die Dynamik und auch die Risikofreude der Jüngeren, wir brauchen aber auch die Übersicht, die Erfahrenheit und die Fähigkeit des Abwägens der Älteren. Wir brauchen ein Miteinander der Generationen und nicht ein Schüren des Generationenkonfliktes!

 

5. Altern muss (noch) nicht Armut bedeuten.

Wir haben (noch) eine recht wohlhabende Rentnergeneration – was nicht heißt, dass eine kleine Gruppe – vor allem von Frauen über 75/80 Jahre – gibt, die sehr zu rechnen hat. Der Anteil der Rentner unter allen Sozialhilfe- Empfängern ist auf 6% zurückgegangen. Nur 2 % der Rentner ist auf Sozialhilfe-Leistungen angewiesen,

Armut ist heute eher ein Problem alleinstehender Mütter mit kleinen Kindern.

Doch – wie sieht es in Zukunft aus?

Ich möchte keine Ängste schüren, fordere aber "Generationengerechtigkeit". Senioren sind ja bereit, Abstriche in Kauf zu nehmen, um den durch falsche Politik verfahrenen Karren aus dem Dreck zu ziehen, fordern aber mit Recht Planungssicherheit. – Und: Generationengerechtigkeit lässt sich nicht nur nach Prozentpunkten in der Rente berechnen! Gerechtigkeit im Hinblick auf die Entwicklungschancen sind gefordert – und die waren ja bei der heutigen Seniorengeneration nicht gerade optimal.

 

6. Altern muss nicht Hinfälligkeit und Pflegebedürftigkeit bedeuten.

Das Ausmaß der Pflegebedürftigkeit alter Menschen wird oft überschätzt. Die INFRATEST - Studie, die 26.000 Haushalte erfasste, hat gezeigt: Pflegebedürftigkeit fällt eigentlich erst in der Gruppe der über 85jährigen ins Gewicht und betrifft dort rund 23% der Männer und 28% der Frauen. Das heißt aber, dass noch rund 70 von 100 Hochbetagten in der Lage sind, allein kompetent ihren Alltag zu meistern. – Bei Hochschätzungen im Hinblick auf den Anteil der Pflegebedürftigen von morgen, wo ja weit mehr über 85jährige in unserer Gesellschaft leben werden, sollte man vorsichtig sein: schon die Älteren von heute sind in einem höheren Alter viel gesünder und kompetenter als es unsere Eltern und Großeltern im gleichen Alter waren. – sofern sie dieses überhaupt erreicht hatten - und dieser Trend wird sich fortsetzen.

Aber, auch wenn wir den Anteil der Pflegebedürftigen von morgen und übermorgen nicht überschätzen sollten, müssen wir feststellen: die Thematik der Pflegebedürftigkeit in einer alternden Gesellschaft wird weiterhin eine Herausforderung bleiben. Werden heute noch rund 70% der Pflegebedürftigen in der Familie gepflegt (nicht immer in einer optimalen Form), so müssen wir und dennoch deutlich sagen: Familienpflege hat ihre Grenzen:

- angesichts des immer höheren Alters der Pflegebedürftigen und

damit auch der pflegenden Angehörigen. Hier bedeutet Pflege oft

Überforderung, die im Extremfall zur Altenmisshandlung führen kann.

- angesichts des fehlenden Töchterpotentials, der geringen Kinderzahl,

so dass sich kaum mehrere Geschwister die Pflege teilen können;

- angesichts der heutzutage geforderten Mobilität im Berufsleben,

- angesichts der zunehmenden Berufstätigkeit der Frauen bzw. der Töchter

- angesichts der heutzutage geforderten Mobilität, der unterschiedlichen

Wohnorte von Eltern und erwachsenen Kindern:

- und schließlich angesichts der steigenden Scheidungsrate. Ob man auch

den nicht angetrauten Partner entsprechend pflegen wird, wissen wir nicht;

aber die Ex-Schwiegermutter wird man wohl kaum pflegen.

Das Fazit: Wir brauchen einen Ausbau der ambulanten Pflege und werden auch in Zukunft auf institutionelle Einrichtungen nicht verzichten können.

Wir brauchen außerdem eine Qualitätssicherung der Pflege,

Doch es gilt zunächst einmal, Pflegebedürftigkeit zu vermeiden, Selbständigkeit und Unabhängigkeit zu erhalten, – und das ist eine Herausforderung für jeden einzelnen und die Gesellschaft. Dazu gehört ein entsprechender Lebensstil: sportliche Aktivität, geistige und soziale Aktivität, richtige Ernährung, Hygiene, Vorsorge- Untersuchungen etc. Der einzelne sollte gesundheitsbewusster leben – aber die Gesellschaft, die Kommunen, sollte Möglichkeiten dazu bereitstellen, die zu körperlichem, geistigem und sozialem Training motivieren. Die Notwendigkeit einer umfassenden Prävention (die schon beim Schulsport beginnt!) sollte weit stärker als bisher erkannt werden und entsprechende Förderung erfahren.

Weiterhin sind Möglichkeiten fachgerechter geriatrischer Rehabilitation auszubauen, um im Krankheitsfall möglichst bald verlorene Kompetenzen wieder zurückzugewinnen.

 

II. Ein Altwerden bei psychophysischem Wohlbefinden ist die Herausforderung unserer Zeit!

Es kommt auf ein möglichst "gesundes Altwerden" an. Doch gesundes Altwerden – was ist das eigentlich?

1. Gesundheit ist nicht nur das Fehlen von Krankheit (bei dem Fortschritt der Medizin und der Medizintechnik, bei den immer neuen und gründlicheren Diagnosemöglichkeiten, gilt heute die Feststellung: gesund ist schlecht diagnostiziert, denn nahezu jeder hat irgendwo irgendwelche kleinere oder größere Probleme.

2. Gesundheit ist vielmehr – der WHO-Definition entsprechend – "körperliches, seelisch-geistiges und sozialen Wohlbefinden".. Es kommt also nicht nur darauf an, ob man laut Arzturteil und Laborbefund gesund ist, sondern auch, ob man sich gesund fühlt. Der sogenannte "subjektive Gesundheitszustand" ist, wie unsere, aber auch internationale Untersuchungen zeigen, ganz entscheidend für eine Lebensqualität im Alter.

3.Nach HUBER schließt Gesundheit aber auch die Fähigkeit mit ein, mit etwaigen Belastungen, mit Einschränkungen, mit Behinderungen (in körperlichen, aber auch im geistig-seelischen und sozialen Bereich) sich auseinander zu setzen und adäquat damit umzugehen.

Diskutiert man heutzutage Gesundheit unter dem Aspekt der Prävention, der Vermeidung von Risikofaktoren, dann erwähnt man zuerst – mit Recht – gesunde Ernährung, Verzicht auf Drogen, Nikotin, Alkohol; man erwähnt sodann die Notwendigkeit körperlicher Bewegung, körperlicher Aktivität, Hygiene und Vorsorge-Untersuchungen. Dass es neben diesem aber auch ganz stark darauf ankommt, schon in jungen Jahren die Fähigkeiten zu entwickeln, sich mit Stress und Belastungen auseinander zu setzen, damit adäquat umzugehen, das vergisst man gerne. - Darüber hinaus hat Wohlbefinden im Alter etwas mit dem Gefühl, "gebraucht zu werden". mit einem "feeling of being needed" zu tun.

"Altwerden bei psychophysischem Wohlbefinden", das ist die Devise unserer Zeit. Nicht "Forever young" sollte das Ziel sein, sondern "kompetent alt sein bei Wohlbefinden". Hier ist eine Korrektur des Altersbildes in unserer Gesellschaft vonnöten. Können wir es uns leisten, ältere Menschen auszugliedern, ihnen nur aufgrund ihres Lebensalters mit Skepsis zu begegnen, ihnen die Teilnahme in privaten und gesellschaftlichen Bereichen zu versperren?

Wir sollten endlich begreifen: Altsein muss eben nicht bedeuten, abgebaut, klapprig, hinfällig zu sein. Wir sollten das Altern bejahen – und selbst zum Alter JA sagen. Wir brauchen keine "anti-age-Bewegung", sondern setzen uns für ein gesundes, kompetentes Altern ein. Dazu muss jeder Einzelne etwas tun – von Jugend an! Aber auch die Gesellschaft muss das Ihre dazu tun!

Die Bedeutung der Aktivität für ein Altwerden bei psychophysischem Wohlbefinden wurde in der Wissenschaft schon lange erkannt. Spätestens seit Anfang der 70er Jahre betonen Mediziner, Psychologen, Sportwissenschaftler und andere Disziplinen: Körperliche, geistige und soziale Aktivität ist den Erkenntnissen der neueren gerontologischen Forschung zufolge die Voraussetzung für eine Lebensqualität in der 3.(oder 4.) Lebensphase.

Doch so neu ist diese Erkenntnis gar nicht. Ein hohes Lebensalter bei psychophysischem Wohlbefinden zu erreichen war von jeher der Wunsch der Menschheit. Schon vor mehr als 2000 Jahren empfahl bereits HIPPOKRATES (460-377 v.Chr.) als Regeln für eine gesunde Lebensführung, die ein hohes Lebensalter garantiere:

"Alle Teile des Körpers, die zu einer Funktion bestimmt sind, bleiben gesund, wachsen und haben ein gutes Alter, wenn sie mit Maß gebraucht werden und in den Arbeiten, an die jeder Teil gewöhnt ist, geübt werden. Wenn man sie aber nicht braucht, neigen sie eher zu Krankheiten, nehmen nicht zu und altern vorzeitig" (HIPPOKRATES, de articulis reponendis 56;).

Ähnliche Empfehlungen bezüglich körperlicher Bewegung und Gymnastik finden sich u.a. bei Galen v. Pergamon (129-199 n.Chr.), van SWIETEN (1700-1772), HUFELAND (1762-1836) und anderen. - Frühe Hinweise auf eine notwendige Aktivität im Alter, eine lebenslange Vorbereitung auf das Alter, eine Geroprophylaxe, die schon in Kindheit und Jugend beginnen sollte und neben dem physischen Bereich auch den geistigen Bereich umfassen muss, findet man auch bei PLATO (427-347 v.Chr) in seiner "Politeia" und auch bei CICERO (106-43 v.Chr.) in seiner Schrift "Cato maior de senectute". Sie preisen die lebenslange körperliche Aktivität, die richtige Ernährung, weisen aber auch auf die Notwendigkeit geistiger Aktivität und entsprechende Sozialkontakte, sozialer Zuwendung hin, die während des ganzen Lebens geübt werden müsse: Nichtaufhören, Weitermachen, ständiges Üben in allem, das sei die Maxime (CICERO).

Doch vorübergehend waren diese alten Ratschläge in Vergessenheit geraten, als eine bestimmte Medizinergeneration die "Abnutzungs- oder Aufbrauchstheorie" predigte und in der Schonung, der Nichtbeanspruchung körperlicher und geistiger Kräfte einen Garant für die Erreichung eines hohen Lebensalters bei guter Gesundheit sah. Diese medizinische Irrlehre, die übrigens auch den "Ruhestand" begründete, ist von der geriatrischen Forschung in den letzten Jahrzehnten eindrucksvoll widerlegt worden bzw. durch die Erkenntnis der "Inaktivitätsatrophie" bzw. der Bestätigung der "dis-use- Hypothese" (Funktionen, die nicht gebraucht werden, verkümmern) abgelöst worden.– Der Volksmund sagt: "was rastet, das rostet"!

Der Nachweis, dass die für das einzelne Individuum "richtigen" sportlichen Aktivitäten, in richtiger Dosierung ausgeübt, das psychische Wohlbefinden steigern und die relevanten physiologischen Werte auch beim 40, 50 und sogar 70 jährigen noch verbessern können, ist mehrfach seitens der Sportmedizin erbracht worden (HOLLMANN, RIEDER, MEUSEL, WEHRLE u.a.).

Eine schwedische Studie (NORDBECK & JOHNSON, 1997) fand bei 60-80jährigen ehemaligen Höchstleistungssportlern, die früher Rekorde aufstellten und Preise gewonnen hatten, dass sie von einem größeren Wohlbefinden und besserer Gesundheit berichteten als der Durchschnitt ihrer Altersgruppe.

Ein Zusammenhang zwischen aktueller körperlicher Aktivität (Gymnastik, Walking, schnellem Spazierengehen) und psychischem Wohlbefinden und Zufriedenheit konnten WILLIAMS et al (1997) auch bei "normalen" Seniorinnen ohne ausgeprägte

So konnten BIRREN u. Mitarbeiter (1995) nachweisen, dass bei den verschiedensten psychomotorischen Tests, bei Einfach- und Mehrfach-Reaktionsversuchen, aber auch bei Problemlösungs- und Lernaufgaben, körperlich aktive ältere Personen schnellere Reaktionszeiten bei geringerer Fehlerquote aufwiesen als weniger aktive Ältere. SPIRDUSO (1995) fand ebenso bessere Zeiten bei Reaktionsversuchen bei älteren Sporttreibenden im Vergleich zu ihren nicht-sporttreibenden Altersgenossen.

Ebenso wurde nachgewiesen, dass körperliche Aktivität, Bewegung und Sport auch auf kognitive Fähigkeiten von Einfluss sind. So haben in der SIMA-Studie ("Selbständigkeit im Alter") der Universität Erlangen-Nürnberg (OSWALD, et al, BAUMANN) jene Senioren und Seniorinnen ihre intellektuellen Fähigkeiten, vor allem Gedächtnisleistungen, am stärksten verbessert und über Jahre hinweg gehalten, die neben dem Gedächtnis-Trainingsprogramm gleichzeitig ein körperliches Aktivierungsprogramm durchgeführt haben (vgl. BAUMANN).

EICHBERG (1997) hat festgestellt, dass sich die Sportler hinsichtlich der fluiden Intelligenz signifikant von den Nicht-Sportlern unterscheiden. "Sie besitzen einen größeren Wortschatz..., sind besser in der Lage, visuelle Informationen zu verknüpfen und zu verschlüsseln" (S. 63). Außerdem fand man der sportlich aktiven Gruppe bessere Konzentrations- und Gedächtnisleistungen. Hinsichtlich des Gesundheitszustandes wurden seitens des Arztes als gut und sehr gut 66,23% der Sportler, aber nur 43,48% der Nicht-Sportler eingestuft. Auch der subjektive Gesundheitszustand wurde von den sportlich Aktiven häufiger als sehr gut und gut eingestuft als von den Nicht-Sportlern. - Eine Analyse der Daten durch LEHR & JÜCHTERN (1997) zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit sportlicher Aktivität und Zufriedenheit. Während bei den sportlich Aktiven fast Dreiviertel (72,4%) mit ihrem Leben zufrieden waren, traf das bei jenen, die nur einmal wöchentlich Sport trieben bei nur 60,2% zu, - bei den niemals Sport Treibenden nur bei 46,2%.

ROETHER stellt aufgrund der Analyse der sportlichen Aktivitäten der 1930-32 Geborenen in Ost und West fest: "In der vorliegenden Studie gehört die sportliche Aktivität zu den Merkmalen, die eine Verbesserung der Vorhersagen des Gesundheitszustandes für einen Zeitraum von 4 Jahren bewirkten. Dies kann als Hinweis gewertet werden, dass körperliche Aktivität als Ausgleich für Trainingsmöglichkeiten im beruflichen Lebensalltag dienlich ist. Dabei spielt nicht zuletzt die Überzeugung eine Rolle, "selbst etwas für die Gesundheit tun zu können". "... und – so fährt ROETHER (2000) fort: "Körperliche Aktivität ist, wie die vorliegenden Ergebnisse erneut bestätigen, meist auch mit geistiger Regsamkeit verknüpft" (S.185).

Nach einer kritischen Analyse der Literatur über den Zusammenhang von sportlicher Betätigung, Gesundheit und Anpassung an das Alter kommt MEUSEL (1996) zu dem Schluss, dass bei einer in dieser Hinsicht inaktiven Lebensweise das Leistungsniveau in allen motorischen Fähigkeiten zurückgeht. "Schon geringe Bewegungsaktivität im Alltag, Beruf und Sport wirkt sich - besonders bei sonst bewegungsarmer Lebensweise - positiv im Sinne einer Verzögerung der Rückbildungsprozesse aus. Auch im höheren Alter können durch gezieltes Training noch Anpassungsprozesse in Gang gesetzt werden, die degenerativen Veränderungen entgegenwirken. Andernfalls beginnt der Rückgang der Leistungsfähigkeit ohne Training schon am Ende des 2., spätestens im 3. Lebensjahrzehnt. Jede der motorischen Fähigkeiten Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Gelenkigkeit, Gleichgewicht und Koordination hat ihre spezifische Bedeutung für die Erhaltung der allgemeinen motorischen Leistungsfähigkeit im Alter und für die Bewahrung oder Verbesserung einzelner Merkmale der Gesundheit. Sie stehen meist in einem engen Wechselverhältnis zueinander und können sich in gewissen Grenzen gegenseitig kompensieren. Gute Koordination schont Herz und Kreislauf, gute Gelenkigkeit verbessert die Koordination usw. (MEUSEL, 1996, S.119).

Und weiter heißt es bei MEUSEL:. Deshalb kann "Was bisher als Alternsprozess verstanden wurde, ist in hohem Maße Auswirkung mangelnden Trainings sportliche Betätigung und Bewegungsaktivität überhaupt helfen, die Leistungsfähigkeit in allen motorischen Fähigkeiten bis ins hohe Alter zu erhalten. Hochtrainierte Personen können sich im Bereich einzelner Fähigkeiten das Leistungsniveau 20 bis 40 Jahre jüngerer Untrainierter bewahren.... Die Stabilität des erreichten Leistungsniveaus gegenüber Rückbildungsprozessen ist um so höher, je länger sich das Training im Alternsverlauf erstreckt. Dies bedeutet, lebenslange Aktivität auf einem breiteren Betätigungsspektrum ist die wirkungsvollste Maßnahme gegen vorzeitiges Altern."(MEUSEL, 1996, S.119). –

 

Heutzutage muss eine Seniorenpolitik mehr sein als eine Rentenpolitik und Pflegepolitik – so wichtig diese Aspekte auch sind!

Eine Politik für die Senioren - und damit für alle Generationen - hat zumindest auf 3 Säulen aufzubauen:

1. gilt es, die Kompetenzen älterer Menschen zu erhalten, zu stärken ,alles zu tun zur Kompetenzerhaltung und zur Kompetenzsteigerung, zur Prävention. Prävention muss weit mehr als bisher beachtet werden.

Hier ist jeder Einzelne aufgefordert, selbst etwas zu tun – im Hinblick auf die Erhaltung und Stärkung körperlicher Aktivität, geistiger Aktivität und sozialer Aktivitäten, - aber auch die Gesellschaft, die Kommune, das Land, der Bund, sind aufgefordert, Möglichkeiten für diese Aktivitäten bereitzustellen (von den Sportstätten bis zu den entsprechenden Angeboten in Volkshochschulen).

2. gilt es, mehr Beachtung der Förderung von Rehabilitationsmöglichkeiten im weitesten Sinne zu schenken.,

Geriatrische Rehabilitation nach Krankheiten im Alter muss weit mehr gefördert und in unserem Land stärker ausgebaut werden. Eine gute geriatrische Rehabilitation kann den Anteil der Pflegebedürftigen reduzieren – und hilft damit nicht nur den betroffenen Einzelnen, sondern deren Familien, der Kommune und der Gesellschaft. –

3. Der dritte Pfeiler einer Altenpolitik betrifft die Absicherung der Pflege, die Sorge für eine Qualitätssicherung in der Pflege.

Vielfach gilt es, das Bild vom "alten Menschen" zu korrigieren. Ältere sind nicht per se eine Problemgruppe; sie werden oft erst dazu gemacht. Es gilt, auch älteren Menschen eine Aufgabe in unserer Gesellschaft zu geben, sie nicht auszugliedern. Eine Altenpolitik in den 60er Jahren ging nur von der Frage aus: "Was kann die Gesellschaft für Senioren/innen tun?". Heute muss man auch fragen: "Was können Seniorinnen und Senioren für die Gesellschaft tun?"

Hier haben wir viele Beispiele eines geradezu bewundernswerten Einsatzes der Senioren im Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements, im Rahmen der Hilfe für den Nächsten. Aber es gibt auch hinreichend Beispiele dafür, dass unsere Gesellschaft diese Einsatzbereitschaft nicht abruft. Darüber müssen wir nachdenken.

Zusammenfassend sei festgestellt:

Der demografische Wandel ist in den nächsten Jahrzehnten nicht rückgängig zu machen: die Geburtenzahlen lassen nach (schon weil heute die jungen Eltern, die Kinder bekommen könnten, fehlen; weil diese Jahrgänge 1970-1980 ausgedünnt sind). Durch Zuwanderung lässt sich nur ein äußerst geringfügiger Ausgleich erwarten.

Die zunehmende Langlebigkeit ist eine Herausforderung für jeden einzelnen von uns, alles zu tun, um möglichst "gesund" älter zu werden. "Älterwerden – aktiv bleiben" ist hier die Devise. –

Versuchen wir aber auch, uns mit unserer Vergangenheit auszusöhnen, stärker im Hier und jetzt zu leben, versuchen wir, Leben zu lernen – das heißt, möglichst kompetent, zufrieden und "gesund" älter werden. Gesundes Altern ist nicht primär eine Frage der Medizin, der Medikamente, speziell der Geriatrika, sondern eine Frage der Lebensführung und Lebensgestaltung. Der Tübinger Psychiater SCHULTE plädierte (1971) für eine "carpe diem" - Haltung als Geroprophylaxe, wenn er sagte: "Es gilt, die Bereitschaft zum intensiveren Leben (womit nicht Ausleben gemeint ist) nicht erst von der Erfüllung bestimmter Voraussetzungen abhängig zu machen. Sowohl die falsche Erwartungseinstellung dem Leben gegenüber als auch das fruchtlose Zehren von der Vergangenheit gehen am gegenwärtigen Leben in der Konfrontierung mit seinen Gegebenheiten vorbei." Es kommt auf ein gegenwartsbezogenes Leben und- so möchte ich ergänzen – auf eine Zukunftsausrichtung – an. "Belastend für den Alternden ist nicht so sehr, dass er gelebt hat und mit der Zeit auf dieses Leben verzichten muss, sondern belastend für den einzelnen ist, "dass man gerade nicht gelebt hat, nicht richtig, nicht ernst genug, nicht erfüllt genug; dass man überhaupt nicht gelebt hat und das Angebot des Lebens vertan ist, bevor es sich überhaupt erst hat entfalten können" (SCHULTE, 1971, S.82/83) - Worte, die nachdenklich stimmen. -

Aussöhnen mit der Vergangenheit, das wird auch deutlich in dem Gedicht

Lebensmuster:

Schönes habe ich erlebt -

Goldfarben der Teppich

des Lebens durchwebt.

Auch dunkle Fäden

sind manchmal dabei.

Wollt ich sie entfernen,

der Teppich riss` entzwei

(Ingeborg ALBRECHT:

Weit spannt sich der Lebensbogen;

Puchheim; Idea Vlg., 2001

Ein altes angloamerikanisches Sprichwort sagt: "To-day is the first day of the rest of your life!",– das gilt für uns alle, leben wir danach! Und denken wir daran: Es kommt nicht nur darauf an, wie alt wir werden, sondern wie wir alt werden. Es gilt, nicht nur dem Leben Jahre zu geben, sondern den Jahren Leben zu geben.

LITERATUR:

siehe: LEHR,U. (2003) Psychologie des Alterns; 10. überarbeitete Auflage (1.A.1972), Heidelberg / Wiesbaden: Quelle & Meyer